Risikomanagement & Incidentmanagement waren das Herzstück der ersten Ausgabe eines Community-Events unter dem Dach des NCSC. Rund 500 Mitglieder kamen am 9. Juni ins NBC nach Nieuwegein, um sich mit zahlreichen Sprecherinnen und Sprechern sowie Partnern auszutauschen. Der gemeinsame Eindruck: In vielen Organisationen wächst die Dringlichkeit, Cyberrisiken strukturiert anzugehen und im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben.
Was die Teilnehmenden ansprach, ging längst über klassische IT-Themen hinaus. Im Gespräch waren auch Fragen rund um Gesetzgebung, Zertifizierung, Versicherungen, Kommunikation, Awareness und juristische Aspekte. Genau diese Breite spiegelt sich in den Programmpunkten und den Gesprächen auf dem Veranstaltungsgelände wider.
Community als „Bruidsschat“ für digitales Vertrauen
In seiner Eröffnung beschrieb der NCSC-Direktor Matthijs van Amelsfort die Community als eine Art „Bruidsschat“, den das Digital Trust Center (DTC) im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem NCSC einbringt. Die Kernidee dahinter: Verknüpfen, lernen und Wissen teilen – und das nicht nur theoretisch, sondern im Alltag der Community.
Dieses Selbstverständnis zeigt sich besonders, wenn es um Risikomanagement & Incidentmanagement geht: Teilnehmende bringen Erfahrungen aus der Praxis ein, stellen Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und nutzen das gemeinsame Lernen, um eigene Ansätze weiterzuentwickeln.
Leerligen als roter Faden: Risiken und Vorfälle
Das Programm setzte zwei Themen als durchgängige „Leerligen“ um – jeweils in drei aufeinanderfolgenden Sitzungen. Auf der Seite des Risikomanagements standen Fragen im Mittelpunkt wie: Was muss geschützt werden, wie lässt sich Kontinuität sicherstellen, und was tun, wenn trotz aller Vorbereitung etwas schiefgeht?
Auch im Bereich Incidentmanagement ging es darum, Organisationen im Vorfeld zu rüsten: Welche Situationen können während eines Vorfalls auftreten? Wie funktioniert Krisenmanagement über verschiedene Rollen hinweg? Und wie greifen Compliance, Kommunikation und Verantwortlichkeiten nach einem Cyberincident ineinander?
Risiken steuern: nicht „one size fits all“
Den Auftakt der Leerligen zum Risikomanagement gestaltete Jorrit van der Walle von Audittrail. Sein wichtigster Punkt: Risikosteuerung ist kein „One size fits all“. Der Einstieg mit einer großen Risikoanalyse lasse viele Beteiligte schnell resignieren, weil die Komplexität für die Organisation zu hoch sei.
Stattdessen empfahl er, mit kleinen, machbaren Schritten zu beginnen und sich schrittweise weiterzuentwickeln. Dabei spielte die Plan-Do-Check-Act-Logik eine zentrale Rolle: Jede Iteration hilft dabei, die eigene Cyber-Reife mit der Zeit aufzubauen.
Szenarien pragmatisch aufbauen: MASKeR
Im Anschluss stellte Jaap Noordhoek vom NCSC eine neue Methode vor: MASKeR – die Modulare Ansatz Scenario’s Kennisdeling und Risicomanagement. Der Schwerpunkt liegt laut seinen Erläuterungen auf einem pragmatischen Vorgehen: Die Methode soll für Organisationen realistisch, wiederholbar und teilbar sein.
In einer Workshop-Umgebung von zwei Tagen arbeiten Teilnehmende an eigenen Szenarien für das Risikomanagement. Am ersten Tag steht insbesondere die Interessenlage im Vordergrund: Welche Ziele und Werte will eine Organisation schützen?
Danach wird strukturiert gearbeitet. Szenarien lassen sich aus Bausteinen zusammensetzen – unter anderem mit Blick auf den Akteur, die Angriffsmethode, das Ziel und die mögliche Auswirkung. Durch die Kombination dieser Bausteine entsteht ein Bild relevanter Szenarien, auf dessen Basis sich Entscheidungen treffen lassen.
Ein Ergebnis, das in diesem Zusammenhang genannt wurde, ist eine Heatmap der zusammengestellten Szenarien. Damit kann die Organisation priorisieren, in welche Bereiche sie bei Prävention und Reaktion investiert.
Vorbereitet sein auf das Incident: Recht, Compliance und Kommunikation
Neben dem Risikomanagement beschäftigte sich die zweite Leerlige intensiv mit Incidentmanagement. Dabei wurde nicht nur der technische oder organisatorische Teil adressiert, sondern auch die Frage, wie man nach einem Vorfall kontrolliert, mögliche Fehler vermeidet und Schäden begrenzt.
In der dritten Sitzungsrunde brachte Rosalie Brand – Rechtsanwältin bei Kennedy van der Laan – einen praxisnahen Fokus ein. Sie erläuterte, wie juristische Expertise dabei helfen kann, in der Krisensituation bessere Entscheidungen zu treffen und den Überblick zu behalten. Besonders wichtig ist das Zusammenspiel aus Krisenmanagement, rechtlichen Anforderungen und Kommunikation, wenn aus einem technischen Ereignis eine komplexe Lage entsteht.
Die „rauhe Welt“ verstehen: Geopolitik und verschwimmende Grenzen
Im Plenum ordnete Bart van den Berg vom Instituut Clingendael die aktuellen geopolitischen Entwicklungen ein. Sein Bild: Die Welt sei „frei ruig“ – mit Übergangscharakter in Richtung eines neuen Zustands. Dabei beschrieb er Unsicherheiten, in denen verschiedene Werte unter Druck geraten, etwa Meinungsfreiheit, Privatsphäre und freie Marktmechanismen.
In seinem Beitrag ging er auch auf die Veränderung globaler Ordnungsmodelle ein: Aus einer Phase, die nach dem Zweiten Weltkrieg stärker bipolar geprägt war, ist eine multipolare Wirklichkeit geworden. Gleichzeitig sieht er den Wandel von Globalisierung hin zu Fragmentierung – mit dem Hinweis, dass Machtlogiken wieder stärker in den Vordergrund rücken.
Übertragen auf den digitalen Raum stellte er fest, dass Trennlinien zwischen Angreifern zunehmend verschwimmen. Hacktivisten, staatliche Akteure und Kriminelle lassen sich oft nicht mehr so klar voneinander abgrenzen. Stattdessen plädierte er für „strategische Empathie“: andere Parteien verstehen, um im eigenen Handeln Vorteile zu haben.
Mehr als Systeme: Ransomware trifft Menschen
Diese Perspektive wurde im Plenum weitergeführt: Inge van der Beijl, Manager Innovation bei Northwave, berichtete von großen Cyberincidenten, bei denen sie auch als Vermittlerin zwischen Angreifern und betroffenen Organisationen fungierte. Ihr Thema griff die „vergessenen Opfer“ von Ransomware auf – und meinte damit nicht nur Unternehmen, sondern auch Mitarbeitende, Kunden und Bürgerinnen und Bürger.
„Ein Cyberincident bricht mehr als Systeme“, so fasste sie ihre Sicht zusammen. Ein Datenschutzereignis, das ein Vertrauen in bevölkerungsbezogene Untersuchungen nachhaltig schädigen kann, war nur ein Beispiel. Ebenso betonte sie, dass Krisenteams und Beschäftigte emotional stark belastet sein können.
Van der Beijl lieferte konkrete Empfehlungen, wie man die emotionale Wirkung von Vorfällen reduziert. Kommunikation sei dabei entscheidend – sowohl intern als auch extern. Ihre Aussage: Die gewählten Worte werden von außen genau gehört, und auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle, weil Angreifende gleichzeitig die veröffentlichten Informationen beobachten könnten.
Besonders eindrücklich wirkte ein Einblick in eine aufgezeichnete Gesprächssituation, in der ein Hacker das Zieltelefonat nutzte, um ein Kommunikations-E-Mail-Konto einzurichten. In der Diskussion dazu wurde deutlich, wie stark Verhandlungssituationen davon abhängen, ob man das Geschäftsmodell der Angreifer und die eigene Position versteht.
„Unter Druck kommt der Urmensch“: Übungen für die Krise
Auch in der Workshop-Sitzung „Help! eine cyber crisis“ ging es um Emotionen und Verhalten unter Stress. Kelvin Rorive vom Cyber Chain Resilience Consortium (CCRC) formulierte es zugespitzt: Unter Druck tritt der „Urmensch“ hervor. Genau deshalb sei es sinnvoll, Krisen nicht nur zu planen, sondern gemeinsam zu üben.
In einer praktischen Krisenübung anhand eines realistischen Szenarios wurden Fragen aktiviert, die im Ernstfall sofort relevant sind: Wann beginnt man sich Sorgen zu machen, wenn ein Leck sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei einem Lieferanten auftaucht? Welche Personen müssen in das Krisenteam? Welche Rollen sind wirklich nötig?
Als weiterer Schwerpunkt wurde genannt, dass erfahrene Manager zwar handlungsfähig sein können, aber nicht automatisch gute Krisenmanager sein müssen. Für die Organisation bedeutet das: Training und klare Rollenverteilung bleiben entscheidend.
Security-Skills und Praxispartner: Tools, Normen und Unterstützungen
Zwischen den Programmpunkten bot das Netzwerk- und Begegnungsformat Raum für Austausch. Auf dem Netzwerkplein forderten sich Mitglieder in einer Arcade-Game-Umgebung gegenseitig heraus, um Security-Skills spielerisch zu testen.
Gleichzeitig waren Stände verschiedener Public-Private-Zusammenarbeiten und Initiativen präsent. Genannt wurden unter anderem die Polizei mit No More Leaks, das Tool „OpenKAT“ für die Analyse von Schwachstellen, CCV mit CYRA sowie NEN mit Cybersecurity-Normen. Zudem wurde über Möglichkeiten im Kontext von Förderungen informiert, unter anderem über NCC-NL.
Von Mitgliedern für Mitglieder: Das Event als gemeinsamer Motor
Irene van der Zanden, Communitymanagerin beim NCSC, blickte am Ende zufrieden auf die Entwicklung zurück: Die Community wird seit rund fünf Jahren aufgebaut und gemeinsam gestaltet. Laut ihren Angaben umfasst sie inzwischen über 7.500 Mitglieder – und ist damit lebendiger denn je.
Besonders hervorgehoben wurde, dass nicht allein das NCSC das Event prägt, sondern vor allem die Mitglieder selbst. Sie würden Wissen und Erfahrungen miteinander teilen – und genau das mache den Unterschied im Alltag wie auch bei der Veranstaltung aus.
Fazit: Risikomanagement & Incidentmanagement als gelebter Lernprozess
Das NCSC-Community-Event zeigte eindrücklich, dass Risikomanagement & Incidentmanagement kein isoliertes IT-Thema ist. Von iterativer Risikosteuerung über szenariobasierte Workshops bis hin zu rechtlicher Praxis und belastbarer Krisenkommunikation: Die Teilnehmenden nahmen unterschiedliche Bausteine mit, um sich besser vorzubereiten.
Wer beim nächsten Community-Termin dabei sein möchte, kann sich über die NCSC Community vernetzen und mit mehr als 7.500 Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Fachleuten aus dem Bereich digitaler Resilienz in Kontakt treten. Damit wird aus dem Austausch vor Ort ein fortlaufender Lernprozess – für Organisationen, die Risiken ernst nehmen und im Ernstfall handlungsfähig bleiben wollen.
Quelle: https://www.ncsc.nl/nieuws/terugblik-op-ncsc-community-event-risicos-en-incidenten-beheersen
