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Software Supply Chain Security

CISO-Praxis: Leidenschaft gegen Burnout

antidotum tegen burnout

Burnout ist im Sicherheitsumfeld ein bekanntes Risiko: zu viel Druck, zu viele Erwartungen, zu wenig Entlastung. Russ Kirby, Global CISO mit Fokus auf Enterprise Security, Produkt-Sicherheit, GRC und Privacy, sieht jedoch einen klaren Gegenpol. Für ihn ist Leidenschaft gegen Burnout nicht nur ein Motivationssatz, sondern ein praktischer Hebel – im Recruiting genauso wie im täglichen Management.

In einem Gespräch über Karrierewege, Führungsstil und aktuelle Stressoren wird deutlich: Entscheidend ist nicht, ob Security zeitweise reaktiv wirkt, sondern ob der CISO und das Team die Arbeit mit einem inneren Antrieb angehen und parallel Entlastung schaffen.

Warum für Kirby Cybersecurity „natürlich“ wirkt

Kirby beschreibt seinen Weg in die Cybersecurity nicht als klassische Berufsumstellung nach Plan. Für ihn fühlt sich der Bereich von Anfang an stimmig an. Die Begeisterung speist sich dabei aus mehreren Faktoren: der Faszination für die Materie, dem Tempo des Wandels und dem Blick fürs Detail – „vom Mikro ins Makro“. Gerade diese Kombination hilft, dranzubleiben, wenn Projekte komplex werden.

Auch seine Persönlichkeit spielt in seine Arbeitsweise hinein. Er ordnet sich dem Enneagramm-Typ „One“ zu und beschreibt als Subtyp den „Protector“. Im Kern bedeutet das: Ordnung, Disziplin und ein verantwortungsbewusster Verbesserungsanspruch. Cybersecurity passt deshalb, weil das Thema sowohl strukturiert als auch fortlaufend optimiert werden kann.

Kein reiner Zufall: Chancen und Reaktion darauf

Wer Karrierewege betrachtet, könnte „Glück“ leicht als Erklärung nutzen. Kirby hält das jedoch für zu simpel. Aus seiner Sicht entsteht „Glück“ aus einer Mischung: Gelegenheit plus Bereitschaft, sie zu ergreifen. Er habe sich in mehreren Stationen bewusst auf Rollen eingelassen, als die Notwendigkeit da war – und er habe daraus erkennbare Fortschritte und Bestätigung mitgenommen.

Seine Laufbahn verlief über verschiedene CISO-Stationen, darunter Creditsafe, ForgeRock und seit Sommer 2023 Ping Identity. Dabei ist sein Schwerpunkt heute breit: Enterprise Security, Produkt-Security, GRC und Privacy. Entscheidend ist, dass er sich nicht nur für Technik interessiert, sondern auch für das Zusammenführen von Teams und die Ausrichtung der Sicherheitsstrategie.

Führung heißt: Ordnung schaffen und Menschen entwickeln

Kirby beschreibt sich als jemanden, der gern „Ordnung in das Chaos“ bringt. Das zeigt sich in seiner Arbeitsweise: Regeln, Disziplin und klare Struktur. Besonders wichtig ist ihm dabei die Teamkoordination – und das Mentoring innerhalb seiner Gruppen. Aus seiner Perspektive liegt Stärke nicht nur im Setzen von Leitplanken, sondern auch darin, aus einzelnen Personen das Maximum herauszuholen.

Eine zentrale Leitidee lautet zudem: „Nicht Perfektion zum Feind des Guten machen.“ Perfektion kann Projekte ausbremsen. Als Beispiel nennt er das Ziel „null Disruption“ nach einem Vorfall. Wenn dieses Ziel zu starr verfolgt wird, fehlt unter Umständen der Mut zur richtigen Entscheidung. Ein pragmatischer Schritt kann nötig sein, selbst wenn er „nicht perfekt“ ist.

Wie ein CISO sein Team aufbaut: Begeisterung vor Zertifikaten

Wenn Kirby neue Teammitglieder sucht, achtet er auf die Grundlagen: Technikverständnis, Wissen über verschiedene Sicherheitsbereiche und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu durchdringen. Aber am Ende ist für ihn vor allem wichtig, ob echte Begeisterung vorhanden ist.

Er erkennt zwar an, dass manche Menschen in die Cybersecurity einsteigen, weil sie finanziell attraktiv ist. Wer jedoch dauerhaft bleiben will, braucht mehr als das. In der Praxis vergleicht er bei ähnlicher Qualifikation eher jemanden, der sichtbar neugierig ist, seine Lernumgebung teilt und Energie zeigt, mit jemandem, der zwar viele Zertifikate hat, aber „ausstrahlt“, dass er innerlich nicht dabei ist.

Für die Mitarbeitenden ergänzt er seine Mentoring-Haltung um einen konkreten Hinweis: weiter machen und auf dem Weg Fragen stellen. Damit wird aus Lernen kein einmaliger Schritt, sondern eine kontinuierliche Kultur.

Was Kirby als wichtigste Eigenschaft nennt

Auf der persönlichen Ebene nennt Kirby als stärkste Fähigkeit: weiter zuzuhören, wenn jemand die eigenen Überzeugungen herausfordert. Besonders in CISO-Rollen gibt es laut ihm ein Muster: Manche versuchen, Sicherheitsansätze 1:1 aus früheren Organisationen zu übertragen. Das kann scheitern, weil jede Firma und jedes Team unterschiedlich funktioniert.

Für erfolgreiche Entscheidungen braucht es außerdem den „Weitblick“. Kirby betont, man müsse sowohl Makro- als auch Mikroperspektive beherrschen: strategisch denken und gleichzeitig die Details verstehen. Dazu gehört auch, die Arbeitsweise der eigenen Teams zu kennen und gezielt die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Reaktivität ist Teil des Spiels – aber der Zweck bleibt proaktiv

Im Sicherheitsbetrieb ist nicht alles vorhersagbar. Kirby räumt deshalb ein: Security ist zwangsläufig auch reaktiv, zum Beispiel bei Incident Response. Gleichzeitig besteht er darauf, dass der CISO so proaktiv wie möglich agieren muss.

Er unterscheidet dabei zwischen dem „Wie“ und dem „Warum“. Vulnerability Scans liefern zwar zunächst Hinweise auf ungepatchte Schwachstellen – sie erscheinen damit technisch reaktiv. Der Zweck ist jedoch klar proaktiv: Probleme identifizieren und schließen, bevor sie ausgenutzt werden. Die gleiche Logik gilt für weitere Maßnahmen wie Hardening oder Penetrationstests.

Ein zusätzlicher Hintergrund ist die sogenannte Agilitätslücke: Angreifer passen sich häufig schneller an neue Technologien an als Verteidiger in der gleichen Geschwindigkeit nachziehen können. Daraus folgt, dass Teams nicht nur reagieren dürfen, sondern sich strukturell darauf ausrichten müssen, schneller zu lernen und zu schließen.

Leidenschaft gegen Burnout: Warum Genuss wirkt

Burnout entsteht nicht aus einem einzigen Grund. Kirby beschreibt ihn als komplexes Problem, das stark mit Überarbeitung und Stress zusammenhängt. Allerdings ist nicht jeder gleichermaßen betroffen. In seinem Blick entscheidet vor allem, ob es im Alltag eine Art Ausweg oder Entlastung gibt.

Interessant ist dabei, dass Kirby sich selbst als sehr lange im Amt befindlichen CISO sieht – deutlich länger als die durchschnittlich kurze Amtszeit vieler anderer. Er führt das vor allem auf seine Leidenschaft zurück. Wenn er die Möglichkeit hätte, einfach das zu tun, was er will, würde er vermutlich weiterhin genau in diesem Bereich arbeiten.

Gleichzeitig verschließt er sich nicht den realen Belastungen. Der CISO-Job hat sich seiner Ansicht nach stark verändert: Früher standen CISOs teils „im Hintergrund“, heute werden Entscheidungen in Gremien und Board-Umgebungen diskutiert. Genau hier wird ein Netzwerk aus anderen CISOs zu einer praktischen Stütze. Nicht jede Belastung muss allein getragen werden.

Unterstützung für Teams: Stress ist nicht nur „Board-Lärm“

Kirby erklärt, CISOs müssten ihre Teams schützen. Unvernünftige Anforderungen kommen seiner Erfahrung nach oft weniger vom Board als von außen: durch die Dynamik von Angriffen, durch Geschwindigkeit technischer Entwicklungen oder durch Druck im privaten Umfeld. Ein konkreter Entlastungsansatz ist für ihn, Mitarbeitende rechtzeitig aus der Überlastung zu holen.

Er beschreibt, dass er gelegentlich Teammitglieder zur Seite nimmt und ihnen klar sagt: nach Hause gehen, Zeit mit Familie und Partner verbringen – und falls nicht, würde er den Arbeitsplatz faktisch „ausstellen“, damit sie nicht weiter im Stress bleiben können. Dabei geht es nicht um Strafen, sondern um eine sichtbare Grenze.

Der gemeinsame Nenner bleibt: Leidenschaft und Freude an der Arbeit sind keine romantische Idee, sondern verbessern die Teamleistung und wirken zugleich wie eine Schutzschicht gegen Burnout.

Was ihn aktuell wach hält: die rasante AI-Adoption

Wenn Kirby gefragt wird, was ihn nachts beschäftigt, nennt er – abgesehen von Koffein – vor allem Künstliche Intelligenz. Nicht weil AI als Konzept neu wäre, sondern weil die schnelle Übernahme im Alltag die Fragen nach Kontrolle und Verständnis verstärkt. Er stellt die zentrale Frage: Haben wir ausreichend verstanden, welche „Nebenwirkungen“ wir damit möglicherweise freisetzen?

Als Antwort setzt er auf Bildung und Vorbereitung. Teams sollen sich informieren, präventiv planen und zugleich den Umgang mit möglichen Fehlanwendungen adressieren. Selbst wenn nicht alles kontrollierbar ist, kann AI als Teil der Sicherheitsmaßnahmen verwendet werden – im Sinne von Prävention, nicht nur von Reaktion.

Gleichzeitig relativiert Kirby den Schrecken vor AI. Aus seiner Sicht ist das Muster in der Cybersecurity wiederkehrend: Neue Technologie bringt neue Risiken. Als man Daten auf Disketten speicherte, fürchtete man Diebstahl. Mit dem Internet kam die Angst vor Verlust über Netzverbindungen. Die Security-Welt ist im Kern ein „Whack-a-mole“-Spiel: Angreifer tauchen mit neuen Ideen auf, Verteidiger müssen schnell reagieren.

Der Ausblick: neue Herausforderungen statt Endstation

Kirby meint, man müsse das Thema nicht als einmaliges Großrisiko verstehen, das alles dauerhaft verändert. Vielmehr gehört es zur fortlaufenden Reihe von Risiken, die sich über Zeit in neuen Iterationen zeigen. AI ist heute ein dominanter Stressor, aber vermutlich wird sich die Sprache in einigen Jahren verschieben: Dann heißt es vielleicht einfach „Computing“ und nicht mehr „AI“ als Sonderbegriff.

Entscheidend bleibt für ihn: Security ist ein spannendes Feld, weil man neue Risiken prüfen, absichern und abwehren kann. Und genauso wie die Angriffsseite sich weiterentwickelt, muss auch das Sicherheitsdenken mitwachsen.

Fazit: Leidenschaft gegen Burnout im Führungsalltag

Die Kernaussage von Russ Kirby ist klar: Leidenschaft gegen Burnout entsteht dort, wo das Team die Arbeit wirklich gern macht – und wo Führung aktiv Entlastung ermöglicht. Dazu gehören Auswahl nach Begeisterung, der Mut zu pragmatischen Entscheidungen („nicht perfekt statt gut“), das offene Zuhören bei Gegenargumenten und ein proaktiver Sicherheitsansatz mit dem richtigen Zweck hinter jeder Maßnahme.

So wird aus Stress kein Dauerzustand, sondern eine Herausforderung, die man gemeinsam handhabbar macht – mit Struktur, Unterstützung und der Bereitschaft, Chancen zu nutzen.

Quelle: https://www.securityweek.com/ciso-conversation-russ-kirby-passion-is-the-antidote-to-burnout/