Die Black Hat USA 2026 in Las Vegas ist wieder ein Schaufenster für neue Sicherheitsansätze. Während viele Anbieter ähnliche Schlagworte nutzen, zeigen die konkreten Produktankündigungen vor allem eines: KI wird zunehmend in bestehende Prozesse eingebettet – von der Schwachstellenanalyse über Datenklassifizierung bis hin zu Angriffserkennung und Wiederherstellung nach Incidents.
Im zweiten Teil unseres Anbieter-Updates finden Sie eine Auswahl relevanter Neuigkeiten: neue agentische Funktionen, fortlaufende Bewertungen statt einmaliger Checks und mehr Automatisierung entlang des kompletten Sicherheits- und IT-Lifecycles. Hier ist der kompakte Überblick.
Agentische KI wird im Exposure-Management zum Standard
Mehrere Unternehmen setzen darauf, nicht nur Schwachstellen zu listen, sondern deren tatsächliche Relevanz zu bewerten. Astelia stellt dafür agentische Fähigkeiten für sein Exposure-Management bereit. Die Plattform soll Reichweitenanalysen und Remediation-Workflows über den gesamten Schwachstellen-Lebenszyklus hinweg automatisieren. Dabei werden neu veröffentlichte Schwachstellen geprüft, ihre Erreichbarkeit bewertet und die operative Auswirkung eingeschätzt. Entscheidende Schritte laufen mit menschlicher Freigabe an definierten Punkten, während Aktionen vollständig protokolliert und nachvollziehbar bleiben.
Auch Sevii erweitert seine Autonomous Defense- und Remediation-Plattform um ein Autonomous Preemptive Security (APS)-Modul. Das System soll externe und interne Cyber-Intelligence fortlaufend in Hypothesen-Tests überführen. Ziel ist, Exposure zu validieren, Kompromittierungen zu erkennen und anschließend Remediation autonom anzustoßen.
Datensensitivität wird kontinuierlich statt statisch bewertet
AvePoint legt den Fokus auf laufende Datenklassifizierung. Mit Kinetic Classification wird die Sensitivität in Umgebungen wie Microsoft 365 und Google Workspace (sowie weiteren Anwendungen) fortlaufend neu bewertet. Damit soll ein statisches, einmaliges Labeling durch eine dynamischere Sicht auf Daten ersetzt werden.
Im gleichen Kontext erweitert AvePoint auch Rapid Recovery um zusätzliche Werkzeuge, darunter einen Rapid Recovery Wizard sowie Express Recovery for Entra ID. Diese Neuerungen sollen Teams helfen, die Wiederherstellung kritischer Daten nach einem Incident gezielter zu priorisieren.
Threat Hunting: KI beschleunigt Angriffe – und wechselt die Zielrichtung
CrowdStrike veröffentlicht seinen 2026 Threat Hunting Report. Die Studie beschreibt, dass KI in modernen Angriffen fest verankert ist: Angreifer sollen KI nutzen, um Angriffe zu beschleunigen, Schwachstellen innerhalb von Stunden nach öffentlicher Veröffentlichung auszunutzen und gezielt Unternehmensumgebungen mit KI-Systemen oder Software-Bausteinen anzugreifen. Zusätzlich hebt der Report einen deutlichen Anstieg cloudfokussierter Angriffe sowie AI Supply-Chain-Kompromisse hervor. Auch Missbrauch vertrauenswürdiger Authentifizierungsabläufe wird als relevantes Risiko genannt.
Das Thema KI in realen Angriffen greift auch Cisco Talos auf. Die neuen Research-Ergebnisse zeigen, wie Angreifer KI und LLMs einsetzen, um bösartigen Code zu entwickeln, Betrugs-Infrastruktur aufzubauen und die Schwachstellenforschung sowie Ausnutzung zu beschleunigen. Laut den Ergebnissen benötigen viele Akteure keine ausgefeilten Jailbreaks. Stattdessen verwenden professionelle Gruppen KI als eine Art Entwicklungsassistenz, um Exploits schneller zu erstellen. Außerdem wird beschrieben, dass KI über verschiedene Schritte im Angriffslifecycle und in den operativen Abläufen genutzt wird.
Autonome Pentests rücken Web-Anwendungen in den Mittelpunkt
Horizon3.ai kündigt mit NodeZero WebApp Pentesting eine Erweiterung seines NodeZero-Ansatzes an. Die Plattform soll Webanwendungen autonom und zugleich „sicher“ testen – so, wie Angreifer typischerweise vorgehen. Dabei geht es laut Ankündigung nicht nur um das Aufzeigen von möglichen Schwachstellen, sondern um die Frage, was tatsächlich ausnutzbar ist, welche geschäftlichen Auswirkungen jeder Angriffspfad hat und wie sich die Pfade den Taktiken bekannter Threat Actors zuordnen lassen.
Die Nachricht kommt im gleichen Umfeld, in dem das Unternehmen zuvor eine erhebliche Finanzierung bekanntgegeben hat. Konkret wurde eine Summe von 250 Millionen US-Dollar genannt.
RMM-Schutz gegen Missbrauch: zusätzliche Kontrolle statt Blindflug
Huntress erweitert den Managed-ESPM-Ansatz um RMM Guard. Das Tool ist nun für alle Kunden verfügbar, die bereits einen Agent eingesetzt haben – mit dem erklärten Ziel, bösartige oder nicht autorisierte Remote-Monitoring- und -Management-Tools zu erkennen und zu blockieren. Gerade diese Tools werden laut Ankündigung von Angreifern zunehmend missbraucht, um Zugriff aufrechtzuerhalten.
RMM Guard soll unautorisierte RMM-Software auf Endpoints identifizieren, bevor sie als Persistenzmechanismus oder für Remote Control genutzt werden kann. Teams können festlegen, welche RMM-Tools erlaubt sind und welche blockiert werden sollen. Zudem soll es zusätzlichen Schutz für isolierte Geräte geben, damit erlaubte Remote-Zugriffe nicht pauschal und uneingeschränkt gelten. Der Zeitpunkt der Ankündigung steht im Zusammenhang mit einer im Feld ausgenutzten Sicherheitslücke in N-central.
Coding-Agenten werden am Endpoint abgesichert
Legit Security bringt VibeGuard 2.0 für die Endpunktsicherheit von Coding-Agenten. Das Tool soll AI-Coding-Agenten wie Claude Code, Cursor und GitHub Copilot entdecken und absichern – mit Schwerpunkt auf granularen Kontrollen. Der Ansatz erfolgt auf Endpoint-Ebene: Richtlinien werden angewendet, und bestimmte Agenten-Kommandos sowie Tools sollen gezielt gesteuert werden.
Neu sind unter anderem Guardrails für die Ermittlung von Skills, das Blockieren riskanter Operationen sowie Sicherheitskontrollen im Kontext von MCP. Zusätzlich wird ein Command-Monitoring beschrieben, das anhand eingebauter oder eigener Richtlinien arbeitet. Um zu verhindern, dass Agenten oder Nutzer die Sicherheitskomponente abschalten, nennt das Unternehmen auch Anti-Tampering-Funktionen.
Schwachstellen ohne klassische Scans: Qualys setzt auf „scanless“
Qualys ergänzt die Enterprise TruRisk Management (ETM)-Plattform um InstaScan. Die Besonderheit: Das Feature ist „scanless“ und soll neue Schwachstellen-Erkennung ohne geplante Scanner durchführen. Technisch unterstützt durch Agent Insta werden neu veröffentlichte Vendor-Advisories fortlaufend mit dem bestehenden Asset-Bestand und Telemetrie abgeglichen.
Damit ein konsolidiertes Bild entsteht, normalisiert InstaScan Software-Identitäten in standardisierte Bezeichner (beispielsweise CPEs und PURLs). Anschließend werden betroffene Assets und passende Erkenntnisse gemeldet – ergänzt um Confidence-Scoring. Für Security-Teams bedeutet das: statt wiederkehrender Scanläufe soll eine kontinuierliche Aktualisierung relevanter Ergebnisse stattfinden.
Identitäten und Datenflüsse: Sicherheit über Menschen, Nicht-Menschen und Agenten
Drata kündigt AI Agent Governance in limitierter Verfügbarkeit an. Die Funktion zielt darauf, AI-Agenten im Unternehmen zu entdecken, zu überwachen, zu steuern und Nachvollziehbarkeit zu belegen. Das Produkt wird zuerst für Anthropic ausgeliefert, und laut Ankündigung laufen frühe Kunden bereits End-to-End in Produktion.
SailPoint stellt zudem SailPoint Identity Security vor. Die Lösung setzt auf eine Kombination aus SailPoint Agentic Fabric und SailPoint Human Fabric, um einen kontinuierlichen, Echtzeit-Kreislauf zu schaffen. Der Anspruch: digitale Umgebungen durchgehend zu entdecken, zu verwalten und zu schützen – über menschliche, nicht-menschliche und agentische Identitäten hinweg.
Netskope ergänzt den Blick auf Datenströme: Mit dem Netskope One DataSec Command Center entsteht eine einheitliche Steuerungsebene, die sensible Daten überall auffinden, verstehen, verfolgen und schützen soll – von AI-Umgebungen bis hin zum Netzwerk. Für Teams soll das eine durchgängige Linie von Entdeckung bis Remediation über die gesamte Datenlandschaft bedeuten.
Zertifikats-Lifecycle und Automationen: weniger Handarbeit, mehr Konsistenz
Sectigo bringt mit dem Sectigo Orchestration Gateway (SOG) eine neue Automationsschicht in den Sectigo Certificate Manager (SCM). Damit können IT-Teams die Discovery, Ausstellung, Erneuerung und Ausbringung von Zertifikaten über verschiedene Systeme hinweg automatisieren – über eine einzelne Installation.
Unterstützt werden unter anderem IIS, Apache, F5, NGINX und Citrix. Zudem nennt Sectigo direkte Integrationen mit Credential-Managern wie CyberArk, Delinea, HashiCorp und BeyondTrust. Das soll das Abrufen von Zugangsdaten „just-in-time“ vereinfachen.
Cloud Runtime Defense wird KI-nativ
Sysdig stellt Sysdig Secure AI vor – als KI-nativen Baustein für die Cloud-Native Application Protection Platform (CNAPP). Das Angebot beschreibt drei Wege, KI in den Cloud-Schutz einzubinden: autonome Agents, die Risiken priorisieren und Remediationsvorschläge ausgeben, einen „headless“-Modus zur Integration mit KI-Coding-Agenten wie Claude, Cursor und Codex sowie einen GenAI-Assistenten (früher Sysdig Sage), der Risiken in einfacher Sprache erklärt und konkrete Fixes empfiehlt.
Tanium erweitert parallel seine Autonomous IT Platform. Dabei sollen neue Agentic Performance Analysis-Funktionen bei der Ursachenanalyse helfen, Background AI Agents alert-to-resolution Workflows autonom durchführen und ein MCP Server Tanium-Daten für Kunden wie Claude und Microsoft Security Copilot zugänglich machen. Ergänzend kommen Exposure-Management-Werkzeuge wie External Attack Surface Management und Attack Path Mapping hinzu. Auch Threat Hunting wird mit einer Agent-Guided-Variante ausgebaut, die Hypothesen-basiert anhand von MITRE ATT&CK-Kategorien ausgeführt wird.
Von SOC-Lernen bis zu mobiler Forensik: Automatisierung für Analysten
Torq präsentiert Torq SOC Brain als selbstlernende Schicht für seine AI SOC Platform. Die Idee: Die Lösung lernt fortlaufend aus historischen Untersuchungen, Analystenentscheidungen und organisatorischen Abläufen. So soll ein personalisierter Intelligence-Engine-Ansatz entstehen, der auf Recall, Reflex und Retrospect basiert. Damit soll die Klassifikation von Bedrohungen über die Zeit genauer werden, weil sie sich an die Risiko-Logik des jeweiligen Teams anpasst.
Zimperium kündigt derweil mit Deep Insights ein mobiles Forensik-Werkzeug an, das die Analyse von Angriffen auf Mobilgeräten automatisieren soll. Das Tool rekonstruiert vollständige Angriffschronologien aus gesammelten Beweisen, sodass Tier-1-SOC-Analysten Vorfälle untersuchen können, ohne spezielle mobile Forensik-Kenntnisse mitbringen zu müssen. Zusätzlich führt es automatisierte Vergleiche vor und nach Reisen durch, um verdächtige Veränderungen am Gerätezustand zu erkennen. Verfügbar werden soll das Produkt voraussichtlich im September 2026.
OT- und IoT-Umgebungen: Konfigurationsdrift automatisch zurückdrehen
Viakoo erweitert seine Viakoo Action Platform um den Device Configuration Manager (DXM). Der Fokus liegt auf der Behebung von Konfigurationsdrift in OT- und IoT-Umgebungen. Laut Ankündigung ist DXM agentlos und prüft kontinuierlich die Geräteeinstellungen gegen definierte Baselines. Unautorisierte Änderungen sollen gemeldet und Geräte anschließend automatisch in einen konformen Zustand zurückversetzt werden.
Viakoo nennt außerdem neue Integrationen, darunter Armis, Forescout, Nozomi Networks, Claroty und Tenable. Eine Verfügbarkeit wird für Q4 2026 erwartet.
Berichte und Sicherheitsrealität: Lücken bleiben „offen“
Neben Produktankündigungen standen auch Studien im Fokus. Vicarius veröffentlicht „Exposed and Unfixed: The 2026 State of Vulnerability Remediation“. Die Ergebnisse zeigen laut Bericht, dass voneinander getrennte Abläufe und manuelle Übergaben viele Organisationen weiterhin gefährden: 79% seien für bekannte Exploits verwundbar, obwohl sie diese bereits kannten.
Der Bericht nennt zudem weitere Kennzahlen: Bei 75% der kritischen Schwachstellenreaktionen werde lediglich ein administrativer Prozess gestartet, statt die Bedrohung wirklich zu beheben. Außerdem würden 50% der Organisationen eine Schwachstelle als „geschlossen“ betrachten, basierend auf Risikozustimmung oder Ticket-Erstellung, ohne einen verifizierten Rescan durchzuführen, um sicherzustellen, dass das Patch tatsächlich funktioniert hat. Schließlich hätten 79% innerhalb der letzten zwölf Monate einen Security Incident im Zusammenhang mit einer Schwachstelle erlebt, die bereits in ihrem Bestand verzeichnet war.
Fazit: Mehr Automatisierung, mehr Governance – und mehr Blick auf den „wirklichen“ Kontext
Die Black Hat USA 2026 lässt sich als Trendwende hin zu praxisnäheren Sicherheitsmechanismen zusammenfassen: Anbieter verlagern den Schwerpunkt von isolierten Einzelchecks auf kontinuierliche Bewertungen, verbinden KI mit konkreten Workflows und versuchen, Exposure, Daten und Angriffspfade so zu steuern, dass Teams schneller zu Remediation gelangen.
Gleichzeitig tauchen immer häufiger Governance-Ansätze auf – etwa mit menschlichen Freigaben, nachvollziehbaren Aktionen oder kontrollierten Integrationen. Wer 2026 im Bereich Cybersecurity plant, sollte daher nicht nur auf neue Erkennungsfunktionen schauen, sondern vor allem auf die Frage, wie konsequent Produkte Discovery, Bewertung und Umsetzung im Alltag miteinander verzahnen.
Quelle: https://www.securityweek.com/black-hat-usa-2026-summary-of-vendor-announcements-part-2/
