Am 30. Juli kam es zu einem beispiellosen Vorfall: In nur 41 Minuten wurden laut Galaxy Research 1.196 Bitcoin-Adressen systematisch geleert. Betroffen waren dabei 1.082,65 BTC, die zum damaligen Zeitpunkt einem Wert von rund 70,2 Millionen USD entsprachen. Die Untersuchungen verweisen dabei auf eine Coldcard-Schwachstelle in der Firmware, die offenbar die Generierung von Seed-Werten beeinflusst haben könnte.
Dieser Artikel ordnet ein, was bislang bekannt ist, welche Firmware-Versionen laut den Analysen besonders kritisch waren und warum das reine Aufspielen eines Notfall-Updates nicht automatisch das Problem für bereits erzeugte Seeds behebt.
Was ist über den Diebstahl bekannt?
Galaxy Research konnte den Abfluss aus den betroffenen Adressen nachzeichnen und die Abfolge als zusammenhängendes Sweep-Muster dokumentieren. Das Unternehmen ordnete das Vorgehen einer bestimmten Schwäche in der Coldcard-Firmware zu, einer Bitcoin-only Hardware-Wallet des kanadischen Herstellers Coinkite.
Wichtig ist dabei: Aus der Blockchain lässt sich nicht mit letzter Sicherheit ableiten, wer hinter dem Angriff steckt. Galaxy betont, dass das Sweep-Verhalten für Außenstehende ähnlich aussieht wie eine legitime Bewegung von Coins durch den Wallet-Besitzer. Die Beobachtungen geben also vor allem Hinweise auf die technische Signatur des Vorgangs.
Die Coldcard-Schwachstelle: Fehler bei der Zufallsquelle
Der Kernpunkt der Analyse: Ein Integrationsfehler in einem Firmware-Update aus März 2021 soll dafür gesorgt haben, dass die Seed-Generierung nicht wie vorgesehen auf einen hardwarebasierten Zufallszahlengenerator zugreift, sondern auf einen deterministischen Software-PRNG.
Damit steigt das Risiko, dass ein Angreifer unter bestimmten Bedingungen nicht nur Kandidaten Seeds erzeugen, sondern diese anschließend offline überprüfen kann. Die Idee dahinter: Wenn man die relevanten Zustände und Parameter so weit eingrenzen kann, werden Seed-Kandidaten aus den gleichen deterministischen Regeln abgeleitet. Anschließend lassen sich die zugehörigen Adressen berechnen und mit öffentlich einsehbaren Blockchain-Daten vergleichen.
Warum das Offline-Überprüfen entscheidend ist
Block beschreibt das Angriffsprinzip so, dass ein Angreifer die Ausgabe folgender Informationen bestimmen oder stark genug einschränken kann:
- die Geräte-ID (UID),
- den Timer-Zustand beim Start,
- die Historie vorheriger Aufrufe der Zufallsfunktion (RNG-call history).
Wenn diese Informationen hinreichend bekannt sind, kann die Seed-Ausgabe in Kandidatenströme zerlegt werden, ohne das Gerät direkt anzugreifen. Danach wird geprüft, welche Kandidaten zu Adressen führen, die tatsächlich existieren und anschließend geleert wurden.
Hinzu kommt: In dem beschriebenen Szenario scheint der Software-PRNG nach der Initialisierung keine frische Entropie aus dem System zu erhalten. Stattdessen basiert er auf einmalig initialisierten Daten, darunter insbesondere Chip-spezifische Register und Timerzustände.
Notfall-Firmware hilft nicht automatisch bei bereits erstellten Seeds
Coinkite lieferte laut Berichten für alle betroffenen Modelle und Release-Tracks Emergency-Firmware, die am 31. Juli verfügbar gemacht wurde. Diese Maßnahme zielt auf das Problem in der Seed-Generierung.
Doch es gibt eine entscheidende Einschränkung: Das reine Installieren des Updates repariert keine Seeds, die bereits vor dem Update erstellt wurden. Falls ein Seed in der betroffenen Firmware erzeugt wurde und dadurch potenziell schwächer ist, muss der Besitzer daher einen neuen Seed generieren und die Coins in ein entsprechendes Wallet migrieren.
Die Empfehlung lautet also im Kern: Seed neu erzeugen, anschließend umziehen. Wer lediglich die alte Seed-Phrase in eine aktualisierte Firmware oder eine andere Wallet importiert, übernimmt die Schwäche faktisch weiter.
Welche Modelle und Versionen waren betroffen?
Die Risiko-Einschätzung hängt nicht davon ab, welche Firmware man heute installiert hat, sondern davon, mit welchem Firmware-Zustand der Seed erstellt wurde. Im Folgenden die von den Analysen genannten Zeitfenster:
- Mk2 und Mk3: Coinkite nennt für Mk3 Versionen 4.0.1 bis 4.1.9 als betroffen, behoben in 4.2.0. Block ordnet zusätzlich auch Mk2 sowie Mk3 Versionen 4.0.0 bis 4.1.9 dem verwundbaren Pfad zu.
- Mk4 und Mk5: alles vor 5.6.0.
- Q: alles vor 1.5.0Q.
- Edge-Builds: für Mk4/Mk5 vor 6.6.0X, für Q vor 6.6.0QX.
Diese Auflistung zeigt: Es handelt sich nicht um „eine einzelne Release-Version“, sondern um einen Zeitraum, der je nach Gerätetyp variieren kann.
Entropie: Wie groß ist das Risiko wirklich?
Coinkite schätzt die effektive Entropie für die betroffenen Konfigurationen auf etwa 40 Bit bei der Mk3 und auf rund 72 Bit bei Mk4, Mk5 und Q. Zum Vergleich: Eine typische 12-Wort BIP-39 Seed-Phrase wird oft mit einer theoretischen Sicherheit von 128 Bit assoziiert.
Block nennt jedoch keine konkrete „eine Zahl“, die sich 1:1 als praktikables Angriffsziel übersetzen lässt. Stattdessen werden Bedingungen und Obergrenzen diskutiert, die deutlich machen: Eine höhere Bit-Zahl in der Theorie bedeutet nicht automatisch, dass ein Angriff in der Praxis ebenso „leicht“ ist. Es fehlen zudem veröffentlichte Brute-Force-Benchmarks, die die reale Kostenseite sauber quantifizieren würden.
Was den Aufwand in der Praxis beeinflusst
Auch wenn die Schwäche prinzipiell deterministische Kandidaten zulässt, hängt die praktische Durchführbarkeit laut Block stark von Faktoren wie diesen ab:
- wie viele und wie private Informationen über die Geräte-ID verfügbar sind,
- welches Timing beim Booten vorliegt,
- wie viele vorherige RNG-Aufrufe rekonstruiert oder eingegrenzt werden können,
- wie aufwendig die Ableitung der Kandidatenadressen ist.
Coinkite-Richtlinie: Wie viele Zufallswürfe reichen?
Coinkite argumentiert, dass ein Seed nicht allein durch diese Coldcard-Schwachstelle gefährdet ist, wenn er mit mindestens 50 fairen, unabhängigen und privaten Würfen erzeugt wurde. Wenn jedoch unklar ist, wie viele Würfe wirklich genutzt wurden oder wie privat sie waren, empfiehlt Coinkite ausdrücklich die Migration auf einen sichereren Seed.
Darüber hinaus: Eine starke und einzigartige BIP-39 Passphrase erstellt zwar ein separates Wallet, das die Seed-Wörter allein nicht erreichen. Trotzdem rät Coinkite auch hier zur Ersetzung des Seeds, wenn der Seed unter den betroffenen Bedingungen entstanden sein könnte.
Helfen Multisig-Setups?
Multisignaturen können in der Praxis die Angriffsfläche reduzieren, aber nur dann, wenn der Quorum nicht vollständig aus Geräten besteht, die von der Schwäche betroffen sind. Gleichzeitig wird erwähnt, dass bestimmte Lösungen wie TAPSIGNER, OPENDIME und SATSCARD auf unterschiedlichen Codebasen beruhen und daher nicht von derselben Problematik betroffen sind.
Neue Wellen: mutmaßliche weitere Verluste
Die Berichterstattung endet nicht beim ersten Ereignis. Galaxy Research identifizierte zwei zusätzliche mutmaßliche Wellen weiterer Sweeps, die ebenfalls mit Coldcard-assoziierten Abflüssen zusammenhängen könnten.
Dadurch stieg die beobachtete Summe auf 1.367,05 BTC, entsprechend etwa 88,6 Millionen USD, verteilt über 4.585 Adressen. Dabei gab Galaxy an, dass Welle 1 und Welle 2 möglicherweise von demselben Betreiber stammen könnten, während Welle 3 nicht automatisch demselben Angreifer zugeschrieben werden sollte.
Gleichzeitig betont Galaxy, dass es sich bei der Zuordnung um Indikationen aus On-Chain-Analysen handelt. Eine rein rechnerische Bestätigung, dass jede identifizierte Adresse tatsächlich aus schwacher Coldcard-Entropie erzeugt wurde, wurde in den Berichten nicht erbracht.
Status und Zusammenarbeit
Die Aktivität soll laut Galaxy Research weiterhin anhalten. Das Unternehmen habe zudem ungefähr 600 verdächtige, mutmaßlich attacker-controlled Adressen an Behörden und spezialisierte Stellen gemeldet – darunter Bundesermittler, Compliance-Firmen und weitere Cybersecurity-Experten.
Ein Kontext: frühere PRNG-Schwächen im Ökosystem
Die Veröffentlichung reiht sich in eine größere Serie von Erkenntnissen zu schwachen Zufallsquellen ein. Bereits Anfang Juli berichtete Coinspect über Ill Bloom, eine separate PRNG-Schwäche in älteren Software-Wallets, die laut den Angaben mehr als 5 Millionen USD Verlust über mehrere Netzwerke hinweg verursacht haben soll.
Auch wenn es sich um unterschiedliche Systeme handelt, zeigt der Fall: Zufallsquellen sind bei Krypto-Wallets ein besonders kritischer Baustein. Schon kleine Fehler in der Integration oder bei der Aktivierung von Entropiequellen können große Auswirkungen haben.
Fazit: Was Wallet-Besitzer jetzt tun sollten
Die Coldcard-Schwachstelle wird mit einem massiven Diebstahl verbunden, bei dem innerhalb von 41 Minuten über 1.080 BTC abflossen. Entscheidend ist dabei weniger die reine Firmware-Version heute, sondern die Frage, wie der Seed damals erstellt wurde.
Coinkite hat zwar Notfall-Updates bereitgestellt, jedoch gilt: Ein Update „repariert“ den Seed nicht, der bereits in einem verwundbaren Zustand erzeugt wurde. Wer betroffen sein könnte, sollte demnach einen neuen Seed generieren und die Coins in ein Wallet migrieren, das auf dem korrigierten Setup basiert.
Wenn Sie eine Coldcard besitzen, prüfen Sie deshalb nicht nur, welche Firmware aktuell läuft, sondern auch, unter welchen Bedingungen Ihr Seed erstellt wurde. In Zweifelsfällen ist Migration der sicherste Weg, um das Risiko einer reproduzierbaren Seed-Generierung auszuschließen.
Quelle: https://thehackernews.com/2026/08/coldcard-hardware-wallet-flaw-linked-to.html
