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Beveiligingsnieuws

Zombie-Card-Angriff: Abgelaufene Visa-Karten wieder nutzbar

Zombie Card NFC

Ein neuer Sicherheitsbefund sorgt für Aufmerksamkeit in der Welt der kontaktlosen Kartenzahlungen. Forschende der University of Massachusetts Amherst beschreiben den Zombie-Card-Angriff: Mit einem speziellen NFC-Relay und einem Man-in-the-Middle-Setup lässt sich bei bestimmten Konfigurationen das Ablaufdatum so beeinflussen, dass eine abgelaufene Visa-Karte weiterhin für In-Store-Zahlungen genutzt werden kann. Dabei bleibt die Kryptografie der Karte laut den Ergebnissen grundsätzlich intakt.

Wichtig: Der Angriff verlangt mehr als nur eine „magische“ Manipulation. Er setzt reale physische Nähe und eine technische Zwischenschaltung voraus, die zwischen Karte und Kassenterminal sitzt. Außerdem hängt das Ergebnis stark vom Zusammenspiel aus Kernel-Implementierung, Bank-Validierung und Kartenausgabe ab.

Wie der Zombie-Card-Angriff in der Praxis funktioniert

Die Forschenden zeigen, dass das Ablaufdatum in einer kontaktlosen Zahlung an zwei Stellen in unterschiedlichen Darstellungen vorkommt. Das Kassenterminal prüft einen Wert namens Application Expiration Date, der in einer TLV-Struktur (Tag 5F24) enthalten ist. Für die Online-Autorisierung leitet der Aussteller das Ablaufdatum hingegen aus einer anderen Datenquelle ab, die über den Online-Anfrageweg übertragen wird (Tag 57 in den Track-2-Equivalent-Daten).

Der Kern des Problems: In den getesteten Visa-Kernlogiken sind die beiden Ablaufdarstellungen offenbar nicht so fest aneinander gebunden, dass eine laufende Änderung direkt die kryptografische Validierung bricht. Der Relay ändert für das Terminal das Ablaufdatum auf einen zukünftigen Wert, während die Inhalte für die Signaturprüfung und die issuer-zugehörige Kryptogramm-Validierung unangetastet bleiben.

Das Verfahren erfordert dabei:

  • physischen Besitz der abgelaufenen Karte oder eine dauerhafte NFC-Nähe
  • ein MitM-Relay, das zwischen Karte und Terminal vermittelt
  • eine Situation, in der das Konto unter derselben Hauptkontonummer (PAN) weiterhin aktiv ist – wie es typischerweise bei Ersatzkarten der Fall ist
  • und dass die ausstellende Bank nicht unabhängig im Authentifizierungsprozess erneut das Ablaufdatum strikt gegengeprüft hat

Warum die Kryptografie den Angriff nicht automatisch stoppt

In der Darstellung der Forschenden liegt ein wesentlicher Punkt darin, dass das Ablaufdatum im relevanten Prüfumfang nicht als kryptografisch gesicherter Teil auftaucht, der sofort auf eine Manipulation reagieren würde. Für Visa insbesondere geben die Autoren an, dass die Terminalsignaturprüfung den Tag 5F24 nicht umfasst, während die für die Validierung entscheidenden Signaturmechanismen weiter „gültig“ bleiben.

Zusätzlich zeigt das Paper ein weiteres Designdetail: Eine abgelaufene Karte kann laut den Ergebnissen die Offline-Datenauthentifizierung bestehen, weil Zertifikats- und Chip-Lebenszeiten unabhängig von der gedruckten Anwendungsablaufangabe gesetzt sind und diese Datumsangabe nicht als „kryptografischer Expiry-Schlüssel“ in der privaten Signatur mit eingebaut ist.

Auch die Terminalrückmeldung an den Aussteller spielt eine Rolle: In der getesteten Visa-Kernel-Logik werden Terminal-Validation-Ergebnisse offenbar in einer Weise weitergereicht, die für die Bank nicht erkennen lässt, ob die lokale Ablaufprüfung erfolgreich war.

Ergebnisse bei mehreren Banken und EMV-Kernvarianten

Die Forschenden präsentieren eine Auswertung über insgesamt fünf große US-Banken. In Experimenten mit physischen Karten – darunter auch abgelaufene und ersetzte Exemplare – wurden drei dieser Banken genauer untersucht. Das Ergebnis war nicht einheitlich: Eine Bank genehmigte die wiederbelebten Transaktionen, eine lehnte jeden Versuch ab, und eine weitere Instanz nutzte eine alternative Kernel-Variante, bei der die Ablaufmanipulation nicht funktionierte.

Darüber hinaus wurden die Modifikationen nicht nur auf Visa beschränkt. Die Autoren testen den gleichen Ansatz gegen mehrere EMV-Kontaktlos-Kernels verschiedener Netzwerke. Die Kernaussagen lassen sich grob so zusammenfassen:

  • Visa (Kernel 3): Die Änderung passiert die Verarbeitungseinschränkungen des Terminals und macht die Signatur nicht ungültig, weil 5F24 nicht in den signierten Daten enthalten ist.
  • Mastercard (Kernel 2): Das Terminal prüft bei der Verarbeitung offenbar Konsistenz zwischen den Ablaufdarstellungen beim READ-RECORD-Schritt und behandelt Abweichungen als Kartendatenfehler – eine Online-Fallback-Strategie wird dabei nicht als Lösung genutzt.
  • American Express (Kernel 4): Das Ablaufdatum ist als Pflichtbestandteil an Elemente gebunden, die durch die Offline-Datenauthentifizierung abgesichert werden. Dadurch kommt es bei einer Manipulation zu Hash-Mismatches in der Signaturvalidierung.
  • Discover (Kernel 6): Kombinierte Dynamic-Data-Authentication-Mechanismen binden die relevanten TLV-Objekte in den überprüften Transaktionshash ein. Manipulierte Transaktionen werden abgelehnt.

Welche Voraussetzungen der Angriff technisch braucht

Als Relay verwendeten die Forschenden zwei Android-Phones mit NFC-fähigen Kartenemulator- und Terminalemulator-Komponenten. Die Geräte kommunizierten über WLAN und wiederholten die relevanten APDU-Schritte zwischen Karte und Terminal.

Die zusätzliche Verzögerung ist dabei messbar: Jeder APDU-Roundtrip führte laut Bericht zu zusätzlichen Zeitkosten. Insgesamt lagen die Experimente im Bereich, in dem das EMV-Zeitlimit pro Kommandointeraktion noch eingehalten werden konnte. Außerdem setzt ein optionales Protokoll (Relay Resistance Protocol, RRP) eine Begrenzung der zulässigen Antwortzeiten. In dem getesteten Setup war dieses optionale RRP jedoch nicht implementiert.

Auch die geografische und testlaborspezifische Einbettung ist wichtig. Die Evaluation fand in den USA statt; Hinweise darauf, dass es sich um eine flächendeckende Messung über alle Händler, Terminalmodelle und Ausstellerkonfigurationen handelt, werden nicht behauptet.

Beobachtete Zahlungsbeispiele in der Testumgebung

Je nach Bank reagierte das System unterschiedlich auf die „wiederbelebten“ abgelaufenen Karten. In einem Fall wurden Transaktionen in verschiedenen Höhen akzeptiert – inklusive Beträgen, die im Paper offenbar über Test- und Händlerkategorien liefen. In anderen Fällen wurden die manipulierten Transaktionen zwar von der Terminalseite angenommen, aber seitens des Ausstellers abgelehnt, wobei der Karteninhaber aufgefordert wurde, eine Ersatzkarte zu verwenden.

Darüber hinaus beschreibt das Paper einen Sonderfall: Eine Karte war nicht abgelaufen, wurde jedoch automatisch ersetzt, weil sie noch weniger als drei Monate Gültigkeit hatte. Auch in diesem Szenario folgte der Kernel-6-Ansatz offenbar der Logik, dass die Ablaufmanipulation fehlschlägt.

Warum Kundinnen und Kunden nicht automatisch betroffen sind

Aus Anwendersicht ist entscheidend: Der Zombie-Card-Angriff ist nicht als „sicherer Standardbetrug“ zu verstehen, der sofort im Alltag überall funktioniert. Dafür sprechen mehrere Hürden: physische Nähe bzw. Zugriff auf die Karte, ein aktives Relay-Setup sowie das Zusammenspiel mit konkreten Kernel- und Bankregeln.

Außerdem gibt es laut Bericht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine allgemein verfügbaren Mitigations- oder Spezifikationshinweise von großen beteiligten Akteuren. Auch eine offizielle öffentliche Stellungnahme von Visa zu den konkreten Ergebnissen wurde nicht berichtet.

Mögliche Gegenmaßnahmen: So könnte das Problem entschärft werden

Das Paper schlägt mehrere Gegenmaßnahmen vor, die sich auf Kernlogik, Terminalverhalten und die Ausstellerprüfung verteilen. Ziel ist, dass eine Änderung am Terminal-zugewiesenen Ablaufdatum nicht mehr unbemerkt durchläuft.

Die wichtigsten Ideen sind:

  • Ablaufdaten kryptografisch binden: Application Expiration Date und weitere verifikationsrelevante Felder sollten so abgesichert werden, dass sie issuer-seitig verifiziert werden können – etwa über offline authentifizierte Signaturen oder durch Kernel-definierte Hash-Mechanismen.
  • Inkonsistenzen zwischen Darstellungen prüfen: Wenn es mehr als eine Ablaufdarstellung gibt, sollte das Terminal die Werte gegeneinander ausspielen und bei Abweichungen eine relevante Rückmeldung erzeugen.
  • Zusammenhang aus PAN und Ablaufdatum berücksichtigen: Aussteller sollten das präsentierte Ablaufdatum als Teil der Identität der Karte behandeln und ablehnen, wenn es nicht zum aktuell gültigen Datensatz zur PAN passt.
  • Terminal-Validierungssignale erhalten: Ablaufbezogene Prüfergebnisse sollten der Bank in einer Weise übermittelt werden, die für die Entscheidung sichtbar ist – nicht als pauschale bzw. „blinde“ Rückmeldung.
  • Praktische Handhabung abgelaufener Karten: Für Karteninhaber wird empfohlen, Chips und Magnetstreifen abgelaufener Karten zu zerstören und weiterhin im Blick zu behalten, ob ein Konto geschlossen wurde oder ersetzt wird.

Ein weiterer Blick: Relay-basierte NFC-Angriffe als Trend

Der Befund fällt in eine breitere Entwicklung: In einem separaten Bericht wird eine Android-NFC-Relay-Malwarefamilie beschrieben, die ebenfalls ein Zwei-Geräte-Relay-Prinzip nutzt. Dabei werden jedoch andere Ziele verfolgt als die reine Ablaufdatensabotage – dennoch zeigt der Kontext, dass Relay-Mechanismen als Werkzeugbasis für Betrug an Bedeutung gewinnen.

Das unterstreicht, warum eine reine Betrachtung einzelner Schwachstellen selten ausreicht. Stattdessen braucht es Schutz auf mehreren Ebenen: Gerätelogik, Protokollmechanismen und Entscheidungen der Aussteller.

Fazit

Der Zombie-Card-Angriff zeigt, wie ein abgelaufenes Zahlungsinstrument in bestimmten Konstellationen wieder „lebendig“ wirken kann – ohne dass die Karten-Kryptografie zwingend gebrochen werden muss. Ausschlaggebend ist das Zusammenspiel aus NFC-Relay, MitM-Verarbeitung und Bank- bzw. Kernel-Validierung: Wo Ablaufdaten nicht ausreichend gebunden oder Inkonsistenzen nicht sichtbar gemacht werden, kann die Terminalseite getäuscht werden.

Für die Praxis bedeutet das: Wer Systeme betreibt, sollte insbesondere Kerndatenbindung, Konsistenzprüfungen und die Übermittlung terminalseitiger Validierungsindikatoren priorisieren. Für Karteninhaber bleibt die wichtigste Linie, abgelaufene Karten korrekt zu entsorgen und Ersatzprozesse sowie Kontostatus im Blick zu behalten.

Quelle: https://thehackernews.com/2026/08/zombie-card-attack-can-revive-expired.html